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Agrargesellschaft real

Selbstverständlich ist die reale Agrargesellschaft, wie sie  ca. 10 000 Jahre  existierte, nicht deckungsgleich mit der o.g. abstrakten Darstellung. Sie war vielmehr hochkomplex, vielschichtiger, farbiger - und oft genug können wir  verschiedene Bedürfnisbefriedigungs- Strukturen  g l e i c h z e i t i g  bei den jeweiligen  Individuen   vorfinden.

Wir gehen dennoch in diesem Abschnitt von o.g. abstrakten Bedürfnisbefriedigungsstrukturen aus und erweitern sie zu einer realen, wirklichkeitsnäheren Sicht.

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1. Eigenversorgende, landwirtschaftliche  Sektor   

Nirgendwo ( außer fiktional bei Robinson Crusoe) hat eine 100%ige Eigenversorgung stattgefunden, lässt man einmal Eremiten /Einsiedler außer Acht. Und selbst Robinson profitierte letztlich von mehreren Kisten mit Werkzeugen , die der Sturm an Land spülte und die aus diensteleistend-spezialisierter Tätigkeit stammten.

Die Entdeckung, Verarbeitung  und Nutzung von Metallen (Bronze, Eisen) konnte kaum eigenversorgend erfolgt sein. Dies wurde ganz sicher von "Spezialisten" betrieben. Und wurde dann von "Händlern" (diese sind auch "Spezialisten"  zu den eigenversorgenden Bauern im Tausch gegen Naturalien, beispielsweise Essen und Unterkunft, geliefert .

Abhängig von der Bodenbeschaffenheit, der Bodenfruchtbarkeit , wurden  (mal weniger, mal mehr)  Überschüsse von den Bauern produziert, die aber  kaum mehr als ein Bruchteil der Landwirtschaftserträge ausgemacht haben dürften. Diese Überschüsse  wurden zur Versorgung der Stadbevölkerung (hauptsächlich über den Markt) und als "Tribut/Steuer/Pachtlieferung" an den gewalttätigen und religiösen Sektor verwendet.

Ob die Eigenversorger nun in der Familie ( meist Großfamilien ) oder im Lokalverband/kollektive Eigenversorgung ( Dorf) agierten, ist dabei eher nebensächlich. Grundsätzlich gilt hier ein sehr sehr hohes Maß an Eigenversorgung  - die Versorgungsgemeinschaften hätten - ganz im Gegensatz zur heutigen modernen Bevölkerung- jahrelang ohne Versorgung/Tauschwirtschaft von außen - existieren können.   

 

 Mit der Zunahme des Geldes (Münzen ) als Tauschmittel konnten auch die Eigenversorger stärker in die gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftskreisläufe eingebunden werden. Stärkere Hinwendung zu bestimmten (spezialisierten) Produkten, die auf dem Tauschmarkt höheren Wert besaßen, war die Folge. Die Eigenversorger hatten nun stärkere Anreize, ihre Produktion über die Eigenversorgung hinaus zu steigern. Davon profitierten die Städter (spezialisiert-diensteleistender Sektor) aber auch die Eigenversorger, die  nun beispielsweise bessere Werkzeuge, Materialien, Textilien etc. eintauschen konnten.

Im 19.Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung in Europa und Nordamerika,driftete der Eigenversorgende Sektor vollends in einen Spezialisiert- Diensteleistenden ab, die Eigenversorgung in der Landwirtschaft  wurde zweitrangig.   

 

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2.Spezialisiert-diensteleistender Sektor (auch Bürgertum,Erwerbsarbeiter     etc.) 

Dieser Sektor ist weitgehend identisch mit dem Städtebürgertum, den Handwerkern, Händlern, Bergleuten ( mit Ausnahme der dort häufig vorkommenden Sklavenarbeit) , den Wanderarbeitern ( auch in der Landwirtschaft) und ähnlichen spezialisiert- diensteleistenden Individuen. In den Städten herrschte zu fast 100%  spezialisiert- diensteleistende Tätigkeit , weil in Städten eben (aufgrund ihrer Natur)  kein Acker-und Weideland verfügbar ist. Ausnahmen mögen die Gärten innerhalb der Städte gewesen sein, die einen gewissen Grad Eigenversorgung zuließen. Auch existierten beispielsweise Ackerbürgerstädte ( eher kleinere Städte), in denen die Bürger vor den Toren der Stadt Land zur Eigenversorgung bewirtschafteten. Erstaunlich, aber auch folgerichtig  in allen bekannten Agrargesellschafts- Hochkulturen, dass der spezialisiert- diensteleistende Sektor  ( eben aufgrund von Spezialisierung)  enorme schöpferische Leistungen hervorbrachte, so vor allem heute noch sichtbar in der Baukunst z.B. Pyramiden und  Kirchen.

 

Beispielsweise beim Bau von Palästen, im Städtebau wie in Venedig, Rom, Peking etc..., Bergbau , Metallverarbeitung, Schmiedekunst,  Malerei und Bildhauerei, Textilverarbeitung, Bader und Medikusse, aber auch in  Waffentechnik...und Kriegshandwerk. Ja,  die Söldner in Diensten der Herrscher waren im Grunde genommen Spezialisten, die "diensteleistend" ihre  "Kunst" den jeweiligen Kriegsherren zur Verfügung stellten.   

 

Der Markt

Die spezialisiert- diensteleistend Tätigen  benötigen zur Fristung ihres Lebens universelle "Leistungen" zur Bedürfnisbefriedigung . Um diese zu bekommen, müssen die eigenen spezialisierten Leistungen  eingetauscht werden in die vielen Mittel, die zum Leben ( auf einem gewissen Niveau) notwendig sind. So braucht der Schneider   Lebensmittel, ein Haus über den Kopf, medizinische Versorgung im Notfall, Werkzeuge etc. ... Der Söldner benötigt ebenfalls Lebensmittel, Waffen, Kleidung etc. ....

 Der Zauberort, an dem die spezialisierten Eigenleistungen in die genannten universellen/vielfältigen Leistungen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung umgewandelt werden können, heißt

Markt.

Es ist erst einmal unerheblich, ob auf einem Naturalien- Tausch-Markt oder einem Markt mit Geld getauscht bzw. verkauft und gekauft  wird. Der Grundmechanismus ist ähnlich. Allerdings ist ein Markt mit Geld wesentlich effizienter, leistungsfähiger und universeller- zumal Geld auch eine Aufbewahrungs- und Speicherfunktion hat. Naturalien-Tausch-Marktwirtschaften sind sehr beschränkt in ihren Möglichkeiten - Märkte auf der Basis von Geld dagegen äußerst dynamisch und komplex.    

 

 Geld:

Die Anfänge des Geldes gehen wohl in die Steinzeit zurück. Stämme/Horden/Sippen machten ihre ersten Erfahrungen mit "Werkzeugen" , behauenen Steinen aus Materialien, die eher selten vorkamen ( Feuerstein, Obsidian u.ä.), die, wenn richtig bearbeitet, auf der Jagd und dem Zerlegen von Wild wertvolle Dienste leisteteten... Auch  Schmucksteine zum Verzieren des Körpers  fallen wohl in diese Kategorie. Diese wurden dann (hin und wieder) getauscht , wobei sich zunehmend ein (leicht) abstrakter Tauschwert herausschälte. (z.B. eine Pfeilspitze aus Obsidian getauscht gegen eine Handvoll Salz beispielsweise. )...

In der Bronzezeit entwickelte sich Kupfer dann zum wertvollen Material, es avancierte  auch zum Tauschwert(Münzen)  , es spalteten sich Nutzwert ( als Werkzeug/Bronze) und Tauschwert sowie Aufbewahrungswert auf.... Die (abstrakten) Münzen hatten also außer Tausch-/ Zähl- und Aufbewahrungswert immer noch einen Nutzen ( den Nutzwert). Sie konnten eingeschmolzen werden zu einer praktischer Verwendung. Der " Münzwert" quasi war durch den Materialwert gedeckt. 

 

Ähnlich verhielt es sich später mit Silber und Gold. Außer dem Aufbewahrungs- und Zähl-/Tauschwert konnten Silber und Gold allemal zu Nutzbringendem (Schmuck- und Prestigestücke bzw. -arbeiten ) verarbeitet werden. Kupfer, Silber und Gold haben quasi in sich einen (praktischen) Wert. Es deckt sich sozusagen selbst. 

Der Nutzen , den der allmählich in Schwung kommende Handel mit Münzen brachte, war immens. Nun konnten spezialisierte Leistungen untereinander in unkomplizierter Weise getauscht werden. Dazu kam der suggestive Charakter des Geldes (bzw. der Münzen) , dessen bloßes Vorhandensein die Leistungserbringung aller Marktteilnehmer anspornte bzw. inspirierte. Erst mit solch einem Geldsystem konnten sich die antiken und vorneuzeitlichen Gesellschaften/Imperien/Zivilisationen entwickeln.

Allerdings - mit heutigen Augen betrachtet- handelt es sich in einer Wirtschaft, die lediglich auf Münzen beruht, um eine Art " Halbgeld- Wirtschaft" . Das Münzgeld besaß noch einen Materialwert. Heutiges Geld dagegen besitzt diesen nur noch rudimentär ( Kleingeld wie Cent, Pfennig,Ein-Dollar-Münzen  o.ä. ) , Geld entwickelte sich ab dem 18.Jh/19.Jh zum Abstraktum, zum "Vollgeld", zu Geldscheinen oder später  zum Elektronischen Geld. Wobei beide letztere  Arten sich auch wiederum qualitativ fundamental unterscheiden( siehe später ) .       

 

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3. Gewalttätiger Sektor

 

Der Gewalttätige Sektor, im Grunde genommen ein parasitärer Sektor, ist dennoch in der Agrargesellschaft aus verschiedenen Gründen nicht wegzudenken.

Mittels Gewalt entstanden Weltreiche (Rom, Mongolen, Türken  etc. ),die "Gewalttätigen"  konnten offenbar sehr gut von den Leistungen der unterjochten Völker leben. Jedenfalls besser als die eigenversorgenden Bauern oder die Bürger in den Städten.

Aber die Gewalt schuf auch Gegengewalt in Form von ( mehr oder weniger tüchtigen) Verteidigern. Diese mussten sich hierarchisch organisieren, es entstand so allmählich überall parallel dazu eine  Gewalt nach innen... Der latente Kriegszustand  schuf den/die Kriegsherren, letztlich den Herrscher, die Herrscherkaste ,mit teilweise unbeschränkten Machtmöglichkeiten. Nur aus diesem Grunde konnten nach innen Abhängigkeiten wie Leibeigenschaft, Tributzahlungen, Frondienste etc... entstehen.

Ziel der Kriege war (meist) Landeroberung ( als wichtigste Quelle des Reichtums), die Herrschaft über Menschen ( auch Sklaven) oder der Raub von "Schätzen"(z.B. auch die Gier nach Gold im Zuge der Eroberung Amerikas durch die Spanier/Portugiesen)  - aber es ging auch um das (menschliche) Bedürfnis nach Macht und Prestige

 

 

 

Wie dem auch sei, nur durch die Anwendung oder Androhung von Gewalt entstanden Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse, die bis heute rudimentär (in  Monarchien) fortwirken.

Und in einer Welt, in der die Gewalt überall zu Hause ist, konnten sich Herrscher bzw. Kriegsherren ihrem Volke legitimierend  "andienen" , indem sie einen gewissen Schutz vor noch übleren ( äußeren ) Gewalttätigen boten... ganz zu schweigen von dem Aufrechterhalten der Ordnung im Inneren ( die aber auch das Unrecht des Parasitären konservierte).

Es war für Bauern und Bürger besser, ihrem Herrscher/Kriegsherrn untertan zu sein und in einem gewissen Maße beschützt zu werden, als noch schrecklicheren ausplündernden  äußeren Feinden ausgeliefert zu sein. Eine gewisse Legitimation also muss man den (eigenen) Herrschern und Kriegsherren mit ihrem Gefolge quasi zugestehn. Der eigene Herrscher also dürfte den meisten Mitgliedern des 1. und 2. Sektors als das kleinere Übel erschienen sein.

 

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4. Der spirituell- religiöse Sektor

 

In allen Zeiten der Agrargesellschaft waren die Menschen zutiefst religiös-  atheistisch denkende Menschen waren sicher eher die Ausnahme. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in allen Agrargesellschaften der religiös/spirituelle Sektor sehr stark ausgeprägt war, großen Einfluss bis hin zur weltlichen Macht besaß und einen Großteil des gesamtgesellschaftlichen "Reichtums" absorbierte. 

Die Abhängigkeit der Menschen von der Landwirtschaft und damit vom Wetter dürfte dabei die größte Rolle gespielt haben. Über Wetterursachen und Verläufe war wenig bekannt- beten, opfern und Dankbarkeit bezeugen war im Grunde genommen da logisch.

Man kann, ja muss von einer Art Arbeitsteilung in der Agrargesellschaft sprechen: hier die weltlich Tätigen ( 1.,2.,3. Sektor), da die "hauptamtlich"   (und "diensteleistend" )  Gott bzw. die Götter   Anbetenden. 

Außer dem "Draht" zum mächtigen "Wettermacher" spielten die Religionen aber auch eine bedeutsame Rolle bei der Identitätsstiftung großer Menschengruppen. Gemeinsame Ansichten und Riten, Erzählungen und Mythen , gemeinsame Götteranbetung schweißten die Menschen ( zum Volk/zur Kultur) zusammen. 

Und außerdem dürfte das Beten und der Glaube an einen Gott/ die Götter psychische Entlastung für die Menschen bedeutet haben: in Zeiten der Not, allgegenwärtiger Kriege und allgemeinen psychischen Drucks wendet man sich eben ( mehr oder weniger ) an einen Beistand- egal ob dieser real oder irreal: "Jetzt hilft nur noch Beten!".

Diese Gründe und sicher noch viel mehr führten eben dazu, dass die Menschen, die sich "hauptamtlich" der "Götterkontaktpflege " widmeten und die Gesellschaftsmitglieder in diesen Belangen  " schulten",  von der Gemeinschaft versorgt wurden. Im Grunde genommen ist dies ein diensteleistender Prozess . Allerdings zeigt die agrargesellschaftliche Realität, dass sich dieser geistliche Sektor, vor allem in Europa eine Reichtums- und Machtfülle aneignete, die an Parasitäres grenzt ( siehe Rom/Vatikan/Macht der Päpste/  Kurie /Bischofseinflüsse etc....)

Mancherorts eben verhielt sich der religiöse/spirituelle Sektor ambivalent: nützlich und diensteleistend für die gesamte Gesellschaft , aber auch ausplündernd, machtmissbrauchend und parasitär.   

 

Die Herausbildung von Völkern , Nationen und Kultur wäre ohne diesen Sektor kaum vorstellbar gewesen, schuf er doch eine Art geistige Identität: Kultur, Religion,  Spiritualität , Mythen, Erzählungen ( siehe auch Yuval Noah Hararii "Eine kurze Geschichte der Menschheit" )

///////////////////////////////////////////////////////////////////////////////Trotz

 Trotz ihrer Komplexität sind die Grundstrukturen der Agrargesellschaft relativ leicht zu beschreiben. In allen Kulturen seit der ersten Sesshaftwerdung der Menschen (vor 10 000 Jahren ca.)  sind die 4 Sektoren (Bedürfnisbefriedigungs-Organisationstrukturen) anzutreffen- im Orient, in der Antike, im vorkolumbischen Amerika, im europäischen Mittelalter etc....

Vielfach überlappen sich diese Sektoren: d e n Eigenversorger per se gab es nicht, er belieferte mit Lebensmitteln die anderen 3 Sektoren- auf der Basis von Geld oder Zwang oder religiösen Bindungen. Auch der Spezialisiert-Diensteleistende  konnte teilweise ( in Gärten oder Ackerbürgerstädten ) Eigenversorgung betreiben. Und die Gewalttätigen und Religiös-spirituellen Sektoren leisteten "Dienst" an den jeweils anderen 3 Sektoren. Was sie aber nicht abhielt, diese Funktion bis hin ins Parasitäre auszuweiten. Ja, das Parasitäre war in der Praxis meist primär, die diensteleistende Funktion sekundär. 

Seit ungefähr dem späten 18.Jh begann, über Jahrzehnte andauernd und von Europa und Nordamerika ausgehend , ein Aufbrechen dieser tausende Jahre alten Organisations- Strukturen - begann der große Sprung in die Moderne...

 

 

10.1.14 21:08

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